Mit Ritterspiel um Onkel Herrmann’s Erbe gestritten

Turbulent ging‘s am vergangenen Wochenende in der Aula des Missionshauses zu, denn hier kämpfte die Theatergruppe Neuenbeken auf der Bühne um das Erbe von Onkel Herrmann. Aus den Streitereien zwischen Familie, Feuerwehr und unehelichem Sohn um die Hinterlassenschaften des kürzlich Verstorbenen entbrannte ein „tödlicher“ Kampf, der die Lachmuskeln des Publikums heftig forderte. Drei Akte hatte Autorin Regina Rösch geschrieben, um die Erbverhältnisse in dem Lustspiel „Onkel Herrmann und die Pluderhosen (oder …und wieder schweigen die Männer)“ zu klären.

Noch vor Onkel Herrmanns Beerdigung ist das vermeintlich zu erbende Geld verplant und teilweise ausgegeben. Die Neffen Klaus-Dieter und Benno Schmitt, gespielt von Ferdi Pöppe und Gerald Rüngeler, sowie ihre Ehefrauen, Magdalene Schäfers und Angelika Lütkemeyer, lieben neue Autos und teure Kleider. Und der Chef der freiwilligen Feuerwehr, Eberhard Höfling, dargestellt von Hubert Hinrichs, hat schon eine neue Feuerwehrspritze bestellt. Bei der Suche nach dem Testament finden Elfriede und Anneliese Schmitt eine Geburtsurkunde von Horst Fröhlich, einem unehelichen Sohn des Verblichenen. Dieser taucht bei der Beerdigung auf und stellt sich als Notar vor, der das Erbe des Onkels verwaltet, aber als Sohn auch Ansprüche anmeldet.

Der Streit ums Erbe gerät aus den Fugen und lässt beinahe die „familiäre Atmosphäre“ platzen, die sich der Onkel zum Leichenschmaus gewünscht hatte – für seinen „letzten Auftritt“. Den erleben dann auch die Frau des Feuerwehrchefs, Ingeborg gespielt von Sabine Pannenberg, sowie die Tochter von Benno Schmitt, Anja Lütkemeyer als Andrea und Dorf-Tratschtante Adelheid Koch, dargestellt von Karin Volkhausen. Klaus-Dieter Schmitt hat unterdessen erhebliche Probleme wegen seiner „zu langen Beine“ eine passende Hose für die Beerdigung zu finden, bis ihm der Feuerwehrchef eine aus dem Fundus der Wehr leiht.

Als Notar und „Sohn“ Horst („ihr dürft mich auch Horsti nennen“) präsentiert Dennis Lütkemeyer eine Videobotschaft des Verstorbenen. Erschrocken, nahezu schockiert verfolgen die vermeintlichen Erben die Ausführungen des Erblassers am Flachbildschirm, den sich Elfriede bereits heimlich aus dem Nachlass „organisiert“ hatte. In dem Video, live per Videotechnik aus einer Nische hinter der Bühne eingespielt, rechnete Stefan Schäfers als Onkel Herrmann mit den Anwesenden ab. Und die Wahrheit über den Nachlass kam ans Licht: Alles wäre längst geregelt, wenn die Neffen dem Wunsch des Onkels zu Lebzeiten nachgekommen wären, ein von ihm geschriebenes Theaterstück aufzuführen.

Aber Klaus-Dieter und Benno hatten sich strikt geweigert, Pluderhosen und Feinstrumpfhosen in dem mittelalterlichen Stück zu tragen, um sich nicht für alle Zeiten im Dorf lächerlich zu machen. Nun macht der Onkel zur Bedingung, das Stück beim kommenden Feuerwehrfest aufzuführen, ansonsten gäbe es nichts – kein Geld und keinen Acker! Aber auch jetzt sträuben sich die beiden Neffen hartnäckig beim Drama „Reinholdo, Herzog von der Wewelsburg“ mitzumachen. Sie wollen in den Hungerstreik treten.

So rätselte das Publikum in der Pause nach dem zweiten Akt über die Entscheidung der Erbengemeinschaft. Und die Zuschauer wurden nicht enttäuscht.

Als sich der Vorhang zum dritten Akt öffnete, ging ein Raunen und Staunen durch die bei allen drei Aufführungen restlos ausverkauften Reihen des „Neuenbeker Schauspielhauses“. Die Bühne war verwandelt in eine Burg aus Bruchsteinen, mit großer Tafel und Ritterrüstung. Die Aufführung von „Reinoldo“ mit allen erbberechtigten Beteiligten als Ritter in Pluderhosen, Königin und Burgfräulein wird erwartungsgemäß zum Fiasko. „Grandios“ bringen die Darsteller in mittelalterlicher Sprache und gekonnten Slapstick-Einlagen die begeisterten Zuschauer regelrecht zum Tosen. Als Junker Ferdi Pöppe zum Finale auch noch den Falschen mit seinem Schwert ersticht und die Szene wiederholt werden muss, erreicht das Theaterstück im Theaterstück seinen Höhepunkt.

Erst nach der Darbietung von „Reinoldo“ stellt „Horsti“ klar, dass es gar keinen leiblichen Sohn gibt. Der Verstorbene hatte nur noch ein letztes Mal seine Verwandten kräftig ärgern wollen. So wird die Erbmasse nach den Vorgaben von Onkel Herrmann verteilt. Natürlich erhält die Feuerwehr eine ordentliche Abfindung und auch Andrea bekommt ihr Studium finanziert. Sie ziehen glücklich ab. Die Neffen jedoch erhalten jeweils nur ein Bild einer Kuh und eines Hirschen. Die geldgierigen Ehefrauen verlassen daraufhin protestierend die Bühne, als “zufällig” eine größere Summe Bargeld aus den Bilderrahmen fällt. Das gibt den sonst unter dem Pantoffel ihrer Frauen stehenden Brüdern die Gelegenheit, dank Onkel Herrmann das viele Geld vor ihren Gattinnen verborgen zu halten.

Mehrmals musste sich bei andauerndem Applaus des begeisterten Publikums der Vorhang nach den Aufführungen teilen, um den Blick auf die Schauspielerinnen und Schauspieler freizugeben. Nach zahlreichen Verbeugungen schloss sich am Sonntagabend der Vorhang zum letzten Mal in der diesjährigen Neuenbeker Theatersaison.

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Per Videobotschaft regelt Onkel Hermann (Stefan Schäfers) sein Erbe.

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Im Drama“ Reinholdo von der Wewelsburg“ reden die Damen mit spitzer Zunge. v.l. Sabine Pannenberg, Angelika Lütkemeyer, Karin Volkhausen, Magdalene Schäfers.

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Zum Schluss des „Stücks im Theaterstück“ liegt Reinoldo (Gerald Rüngeler) erstochen am Boden. Hubert Hinrichs (l.) als König der Böhmen stellt den Tod von Reinoldo fest. Das bestätigt Dennis Lütkemeyer, als Leopold, Herzog von Müller-Thurgau.

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Nach dem „Drama“ sitzt die gesamte Erbengemeinschaft in ihrer Burgkulisse und lauscht der Notar Fröhlich bei der ersehnten Testamentseröffnung.